FLÌTER FLÒTER

Benjamin Tomasi (BZ|Wien) führt die Fotodokumentation seiner Sprach-Recherche-Konzept-Installations-Arbeit in der FELIZITAS_Jurte mit jener Lässigkeit vor, die ihm sowieso zueigen ist, und durch die er mir gleich Symphatie erzeugt hat.

Eine Woche lang war Benjamin zu Gast in FELIZITAS, hat Chalet MOMO bewohnt und sich ans Konzipieren gemacht. Im Rahmen des Kunstfestivals LanaLive hat es ihn in den Nonsberg verschlagen. Das Thema von LanaLive2017 : die Via Lombarda, alte Römerstraße die heute noch Lana mit dem Nonsberg verbindet, von wo aus dann der Weg gen Süden offen steht (Trient, … Mailand, ...).

FELIZITAS liegt an der Provinz-, Kultur- und Sprachgrenze des Deutschnonsbergs (Alta Val di Non) zum voll italienischsprachigen Val di Non es Trentino, und die Gegend ist spätestens seit den 1960er Jahren dem Interesse der Ethnologie unterlegen. Nach dem mittlerweile zum Standardwerk der alpenländischen Ethnographie erwachsenen „die Unsichtbare Grenze“ der 1960er Jahre, wurde das Forschungsinteresse immer wieder neu aufgewirbelt und ist zuletzt 2010 in die Publikation “Ungleichheit an der Grenze“ gemündet.

Benjamin ist weder Ethnologe noch Linguist, sondern Künstler mit Feeling für das Wesentliche, und so lässt er sich also an dieser Grenzgegend nieder, und merkt bald, wie vielschichtig sie spürbar und erlebbar ist. Er macht sich der Sprache auf der Spur. Das hier historisch heimische Anaunische ist ein rätoromanischer Dialekt, der sich im Nonsberg in der Mundart in Ansätzen immer noch findet. Benjamin forscht in den alten Lexika, und trifft auf Wörter, die ihn fesseln. Er spürt ihren Bedeutungen nach, und projeziert sie in die Kultur- und Naturlandschaft von heute. Alte Häuser, an denen selbst abbröselnde Schriftzüge in diversen Schichten davon Zeugnis geben, dass Bedeutungen sich hier vielschichtig überlappen, werden für den Künstler zu Projektionsflächen für Altes Neues. Benjamin setzt sich ins Wirtshaus. Dort, wo im Dunst der Bedeutungen sich Sprachen bilden und verbinden, verbiegen und entsinnen. Hier setzt er mit den entdeckten Begriffen anaunische Rätsel an den Stammtisch... und lässt sie ins Tal hinein wirken.

Schließlich kommen ihm Visionen.

An dieser Grenze könnte eigentlich ein Migrationszentrum erwachen. Mit Sende- und Aussichtstürmen in alle Himmelsrichtungen. Am Weiher könnte ein Planetarium entstehen oder ein Observatorium, um eventuell mit Gästen aus anderen Galaxien verkehren zu können – um das Thema Migration nicht immer zu eng zu fassen. Und der Weiher böte sich bestens an, einen im kleinen Örtlein Tret einzurichtenden Server-Room für galaktische Kommunikationspotenz mit Wasserkühlung zu versehen...

Danke Benjamin für deinen Beitrag und deine Erläuterungen. Wir brauchen Visionen, die den Austausch zwischen Menschen positiv beflügeln und uns aufzeigen, dass unsere gemeinsame Geschichte uns weit diesseits von Deutsch vs. Italienisch zusammenführt. Und wir brauchen Gelegenheiten wie diese in der Jurte, wo sich Menschen aus allen Himmelsrichtungen Kunst-gestützt in der Sprache der entschleunigten Betrachtung und belustigten Sinnierung kennen lernen und für eine zeit lang amüsieren.

Komm uns wieder mal besuchen!

Und danke auch Hannes Egger für die Organisation des Festivals und allen, die sonst noch unterstützend dabei waren.

Dass heuer einer der genialsten Südtiroler Fotografen LanaLive begleiten konnte, ist natürlich noch ein extra Zuckerle für das Festival. Philip "Flyle" Unterholzner ist top von Fach.

LanaLive2017 ist mit all den spannenden Etappen entlang der ViaLombarda auch auf facebook.

FLÌTER FLÒTER kommt übrigens - das haben wir jetzt gelernt - vom „Falter“, dialektal„Flótter“, und bezeichnet auf die Person bezogen jenen „volatilen“ Charakter, den es je nach Strömung im Winde dreht.

FLOSSÈRA
BOSBÈTER
MARS!